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Buchvorstellung: Wahrnehmungen des Islams in Deutschland

Die Wahrnehmungen des Islams und von Musliminnen und Muslimen in Deutschland sind nach wie vor belastet durch

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Buchvorstellung: Wahrnehmungen des Islams in Deutschland

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Die Wahrnehmungen des Islams und von Musliminnen und Muslimen in Deutschland sind nach wie vor belastet durch Pauschalisierungen, Stereotype und Vorurteile. Die Debatte wird und wurde sehr lange von negativ konnotierten Schlagworten wie „Kopftuch“, „Krieg“, „Fanatismus“ oder „Terrorismus“ geprägt und nach wie vor zu oft auf diese reduziert. Die Entwicklung dieser Wahrnehmungen in den jeweiligen historischen Kontexten sowie deren Auswirkungen auf sowohl die außenpolitischen Beziehungen mit der islamischen Welt, als auch die innen- und gesellschaftspolitischen Stellungen von Muslim*innen im Zeitraum von 1970 bis 2000 hat Dr. Alexander Konrad in seinem neu erschienen Buch „Umdeutungen des Islams. Bundesdeutsche Wahrnehmungen von Muslim*innen“ untersucht. Am 12. Oktober 2022 stellte er das Buch in der DAFG-Geschäftsstelle vor, gefolgt von einer Diskussion mit DAFG-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Steinbach, Leiter des MENA Study Centre der Maecenata Stiftung, und dem Moderator der Veranstaltung Prof. Dr. Frank Bösch, Direktor des Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Die Veranstaltung – eine Kooperation der DAFG e.V. mit der Maecenata Stiftung und ZZF e.V. – wurde gefördert von den Freunden und Förderern des ZZF e.V.

„Zeitenwende“ 1979

Zur Kategorie im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik sei der Islam überhaupt erst mit der iranischen Revolution 1979 geworden – das Jahr markiere daher eine Art „Zeitenwende“, so Dr. Konrad. Deutlich werde daran auch, wie außenpolitische Entwicklungen und Ereignisse entscheidend für die Wahrnehmungen des Islam in Deutschland gewirkt haben und als Orientierungspfeiler für die Debatten fungieren. Mit der Revolution folgte erstmals auch eine dezidiert politische Zuschreibung, eine Politisierung des Islam als Bewegung mit pol. Zielen, die besonders von medialen Akteuren oft als negativ eingestuft wurde, bsw. im Kontext von „fanatischen Massen in Teheran“. Gleichzeitig ließe sich aufseiten der politischen Akteure (u.a. Auswärtiges Amt), eine differenziertere Herangehensweise erkennen. Anhand seiner Recherche in den Archiven verschiedener Behörden, skizzierte Dr. Konrad, wie diese politisierende Zuschreibung des Islam bsw. im Auswärtigen Amt durch den Kontext des Kalten Krieges mehr entlang der Linien post-kolonialer Bewegungen gesehen wurde. Als Konsequenz daraus ließe sich ein mäßigender, durchaus auf Dialog bedachter, aber Interessen geleiteter Umgang mit muslimischen Akteuren aufseiten der Politik beobachten, der entgegen der negativeren und oft pauschalisierenden medialen Darstellungen gewirkt habe.

Großer Einfluss von Scholl-Latour und Konzelmann

Als zentrale Akteure mit großem Einfluss auf die breitere Wahrnehmung des Islams, primär beginnend in den 1980er Jahren, stellte Dr. Konrad die Journalisten Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann heraus. Beide hätten allerdings immer wieder Narrative bedient, die den Islam u.a. mit politisierter Gewalt koppelten und damit negative Wahrnehmungen prägten. Besonders bedingt durch ihre „authentische Erzählperspektive“ erfreuten sich beide großer Popularität und wurden zu Bestseller-Autoren. Für die sich zu diesem Zeitpunkt erst langsam herausbildende Nahostwissenschaft sei es daher sehr schwierig gewesen, dieses oftmals verzerrte Islambild zu widerlegen. Untermauert wurde diese Analyse von Prof. Dr. Steinbach, der in den 1970er Jahren das neu entstandene Nahost-Referat der Stiftung Wissenschaft und Politik leitete, und als Experte und Zeitzeuge auf die Periode zurückblick kann: Es habe viel zu lange schlichtweg an akademischer Expertise gemangelt, auch bedingt durch das vor 1979 nicht wirklich vorhandene politische Interesse an der Region.    

Breiterer Diskus in den 1990er Jahren

In den 1990er Jahren sei dagegen eine zunehmende Differenzierung der Wahrnehmungen festzustellen. Zwar herrschten weiter Vorurteile und Klischees vor, doch entwickele sich jetzt auch vermehrt eine journalistische Gegenbewegung mit einem anderen Blick auf den Islam und die islamische Welt. Der Diskurs chargiere zwischen einer medialen Verteufelung von Saddam Hussein im Kontext von dessen Angriff auf Kuwait oder den Anschlägen der Hizbollah im Libanon und der sich verstärkenden Präsens von Islamwissenschaftlern und abweichenden Darstellungen u.a. im Feuilleton mit zumindest dem Versuch einer Dekonstruktion von Scholl-Latour und Co., die jedoch nicht nachhaltig wirksam gewesen sei. Zudem sei auch eine deutlichere Wahrnehmung von türkisch-stämmigen Menschen in Deutschland zu beobachten, die zuvor lange ignoriert worden seien. Abzulesen sei dies an einer stärkeren Problematisierung des Kopftuchs. Insgesamt seien Darstellungen, der Islam werde jetzt bereits zum gesellschaftlichen Feindbild jedoch zu vereinfachend. Dies änderte sich jedoch mit den Terroranschlägen am 11. September 2001, direkt nach Ende des Untersuchungszeitraums des Buches (um das Jahr 2000), in deren Folge eine erneute Zäsur in der Islamdebatte stattgefunden habe, mit der Konsequenz, dass sich negative Wahrnehmungen und Narrative intensivierten.

Insgesamt zeigt Dr. Konrad in seinem sehr lesbaren Buch auf, wie viele der heute immer noch die Diskurse bestimmenden Narrative Fuß gefasst und sich entlang historischer Entwicklungen verfestigt haben. Auch ein Blick auf aktuelle Ereignisse wie den Mord an Mahsa Amini lasse die Bedeutung des Buches für das Verständnis heutiger Diskurse erkennen, wie Prof. Dr. Bösch ausführte. Prof. Dr. Steinbach blickte wenig positiv in die Zukunft, der Dialog mit der islamischen Welt, insbesondere auf zivilgesellschaftlicher Ebene, sei nach wie vor sehr ausbaufähig. In der abschließenden Diskussion bot sich die Möglichkeit für die Zuschauerinnen und Zuschauer vor Ort und an den Bildschirmen, weitere Aspekte des sehr reichhaltigen Buches zu besprechen und auszuleuchten.

Umdeutungen des Islams. Bundesdeutsche Wahrnehmungen von Muslim*innen 1970-2000.
Wallstein Verlag, Göttingen 2022, Gebunden, 495 Seiten, 42 €

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