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DAFG, Politik

DAFG-Diskussionsabend „Revolution in Ägypten – Und nun?“

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Am 15. November 2011 begrüßte DAFG-Vizepräsident Prof. Dr. Dietrich Wildung die zahlreich erschienenen Gäste zu einer ganz besonderen Veranstaltung – einem Diskussionsabend unter dem Titel „Revolution in Ägypten – Und nun?“. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Saifeldin Abdelfattah Ismail, der koptische Bürgerechtsaktivist Dr. Sameh Fawzy und der Jugendaktivist, Journalist und unabhängige Wahlkandidat Khalid Tallima sprachen über die aktuelle Situation in Ägypten. Moderiert wurde der Abend von DAFG-Beiratsmitglied Prof. Dr. Matthias Weiter, der selbst erst kürzlich in Ägypten war und ein Kenner des Landes ist.

Prof. Dr. Saifeldin Abdelfattah Ismail ist Professor am Institut für Arabisch- und Islamstudien der Zayed University in Dubai. Vorher lehrte er an der Cairo University Politikwissenschaften. Er forscht und lehrt hauptsächlich zu moderner islamischer Geistesgeschichte, politischer Theorie und politischem Islam sowie islamischen Reformgedanken.
Er sprach über den Einfluss der Revolution auf den innerislamischen Diskurs und die sich verändernde Rolle der Muslimbrüder, die nun erstmals politische Verantwortung übernehmen könnten. Dass dabei verschiedene Strömungen ans Licht kommen und sich unterschiedliche Meinungen Bahn brechen, die sich u.a. im Parteiensystem niederschlagen, findet er selbstverständlich und dem Umstand geschuldet, dass sich die Bewegung erst mit dem Umstand vertraut machen müsse, nun nicht mehr verbotene Opposition, sondern eine reale politische Kraft zu sein.
Besondere Betonung legte er auf den Umstand, dass der Sturz Mubaraks den Ägyptern, die immer den Ruf hatten, bequem und unpolitisch oder gar nicht demokratiefähig zu sein, ihre Würde zurückgegeben hätte und dass der Tahrir für Viele als ein Modell für eine ägyptische Gemeinschaft jenseits konfessioneller Grenzen stehe. Der Umsturz sei für alle, auch für die Al-Azhar-Universität, eine neue Situation gewesen, an die man sich erst hätte herantasten müssen. Dies habe sich bspw. in der Meinungsänderung des Großscheichs gezeigt, der die Demonstrationen zunächst abgelehnt hatte, sie dann jedoch unterstützte. Der Großscheich der Azhar, Prof. Dr. Ahmad Al-Tayyeb, – also die höchste „religiöse Autorität“ Ägyptens mit Signalwirkung auf die gesamte islamische und arabische Welt – hat unter Mitwirkung von ca. 30 Intellektuellen eine Charta veröffentlicht, die als eine Art Gesellschaftsvertrag gehandelt werde. In dem Papier werden die drei großen monotheistischen Religionen als gleichberechtigt dargestellt. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Scharia – das aus den religiösen Quellen abgeleitete islamische Rechtssystem – zwar die Quelle der Gesetzgebung sein solle, die Gesetze selbst aber von gewählten Volksvertretern im Parlament und nicht von einer religiösen Obrigkeit gemacht werden sollen.

Auch Dr. Sameh Fawzy bezog sich als einer der Mitautoren in seinen Ausführungen auf die Charta der Azhar und die einigende Wirkung der Tahrir-Ereignisse für die ägyptische Gesellschaft.
Sameh Fawzy ist Sozialwissenschaftler und arbeitet als stellvertretender Direktor des Dialogforums der Bibliotheca Alexandrina. Er engagiert sich in verschiedenen NGOs im Bereich Entwicklung und Kultur sowie im interreligiösen Dialog. Er erläuterte die Anfänge der Januar-Revolution, die sich eigentlich schon während der letzten Jahre angebahnt habe, da die staatlichen Strukturen immer mehr zerfielen und damit auch gewalttätigen Übergriffen gegen Kopten Vorschub leisteten. Es habe ein starkes, von der Regierung gesätes Misstrauen zwischen den Konfessionen gegeben, welches nun erst nach und nach abgebaut und in Vertrauen umgewandelt werden könne. Er wies darauf hin, dass die Ägypter die Januar-Revolution keinesfalls geplant hätten, sondern ohne klare Ziele dort hineingestolpert seien, so dass es ganz natürlich sei, dass nun auch radikalere Strömungen zu Tage treten würden, die vorher nicht an die Oberfläche hätten gelangen können. Die Mehrheit der Muslime sei aber immer friedlich gestimmt gewesen und werde das auch in Zukunft sein, da Ägypten auf eine sehr vielfältige und tolerante Geschichte zurückblicken könne. Die Geschehnisse der Januar-Revolution auf dem Tahrir-Platz hätten der staatlich geschürten Konfessionalität ein Ende bereitet. Dies solle aber keinesfalls bedeuten, dass auf institutioneller Ebene nicht noch viele Fragen, z.B. nach Gleichberechtigung von Minderheiten, struktureller Benachteiligung von Kopten sowie vollen Bürgerrechten, zu klären seien, damit eine rechtliche Gleichstellung erreicht werde.

Khalid Tallima, Journalist (Redakteur bei der Zeitung al-Ahaly, der Wochenzeitung der National Progressive Unionist Party, einer sozialistischen Partei in Ägypten) und Jugendaktivist, ist einer der jungen Aktivisten vom Tahrir-Platz. Er ist Sekretär des Jugendflügels der Tagammu-Partei und Mitglied des Exekutivbüros der Coalition of the Youth Revolution. Letztere ist ein Sammelbecken unterschiedlich gesinnter junger Aktivisten. Besonders bemerkenswert ist, dass Tallima bei den Wahlen trotz seiner Parteizugehörigkeit als Unabhängiger kandidiert – ein so junger Kandidat wie er hätte gegenüber den älteren, „etablierten“ Parteimitgliedern keine Chance auf einen aussichtsreichen Listenplatz.
Er konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die Versäumnisse des Militärrates und prangerte die derzeitige Aufteilung der Macht in Ägypten an. So hätten verschiedene Parteien kürzlich eine Erklärung unterschrieben, dass der Militärrat richtig gehandelt habe. Kritische Stimmen seien nicht gehört worden, viele Dialoge seien nur „Theaterdialoge“. Auch beklagte er, dass die Medien zur Verunglimpfung der Revolution und der Revolutionäre genutzt würden, so dass vor allem in ländlichen Gebieten teils sehr abenteuerliche Geschichten über die Revolutionäre im Umlauf seien. Daher verlaufe der Wahlkampf nicht nur aus finanziellen Gründen unfair. Trotz all dieser Kritik sei die Wahl aber richtig und ein Schritt in ein demokratisches Ägypten.
Eine Analyse von Khalid Tallima findet sich übrigens in seinem Essay, der am 25.11.2011 unter dem Titel „Wir geben nicht auf“ bei der Financial Times Deutschland erschienen ist.

Weitere Punkte und Fragestellungen zur Zukunft Ägyptens wurden während der Diskussionsrunde unter reger Beteiligung des Publikums weiter vertieft, und auch bei den kleineren Gesprächsrunden im Anschluss konnten noch Fragen beantwortet werden.

Der Besuch der Gäste wurde in Kooperation mit der Körber Stiftung organisiert. Am 16. November 2011 fand daher auch eine Veranstaltung im Rahmen des KörberForums zum Thema „Demokratie oder Dikatur 2.0: Wohin steuert Ägypten?“ statt.

Ein Interview mit dem Magazin Zenith "Der Armeerat hat den koptischen Protest eskalieren lassen", welches im Rahmen des Besuchs stattfand, können Sie hier nachlesen.

Ein ebenfalls sehr interessanter Artikel zur Revolution in Ägypten sowie den Wahlen von Bettina Marx findet sich unter dem Titel "Ein Schritt vor und zwei zurück?" auf Qantara.de.

 

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