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Islam verstehen: Expertengespräch in der DAFG

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Hintergründe verstehen, Schlagworte entkräften und die eigenen Vorurteile reflektieren: das war Ziel des Expertengesprächs „Islam verstehen – Mehr als Mekka, Moschee und Masha’allah“, zu dem die DAFG – Deutsch-Arabische Freundschaftsgesellschaft e.V. in Kooperation mit dem Zentrum Moderner Orient (ZMO) am 7. Juli 2016 einlud. Die beiden Islam-Experten Nushin Atmaca vom ZMO und Christian Kübler von der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies gaben einen kurzen und verständlichen Einblick in die Entstehung, Entwicklung und die wichtigsten Grundsätze des Islam – jenseits von Schlagworten und Stammtischparolen.

Der Geschäftsführer der DAFG e.V., Björn Hinrichs, begrüßte Gäste und Referenten und sprach vor allem dem ZMO Dank für die hervorragende Kooperation aus, die die Veranstaltung erst möglich gemacht hatte. Eine Veranstaltung, die gerade in der jetzigen Zeit von besonderer Wichtigkeit ist: viele Menschen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, treffen ehrenamtlich oder hauptberuflich immer wieder auf Menschen muslimischen Glaubens. Oft sind diese Begegnungen von Unsicherheit, Missverständnissen, Vorurteilen und vielleicht sogar Misstrauen geprägt. Genau dieser Unsicherheit entgegenzuwirken und entstehende Fragen zu beantworten, war das Ziel der Veranstaltung, die sich nicht ausschließlich, aber ausdrücklich auch an die zahlreichen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Flüchtlingshelfer wandte. Dass tatsächlich auch Bedarf an dieser Möglichkeit bestand, mehr über den Islam zu erfahren, machten die trotz EM-Halbfinale gut gefüllten Stuhlreihen deutlich.

Islam – zwischen Vielfalt und Vorurteil

Gleich zu Beginn warb ZMO-Expertin Nushin Atmaca für einen kritischen Blick auf die eigene Haltung gegenüber dem Islam und Menschen muslimischen Glaubens. Der „Bilder im Kopf“, wie die Islamwissenschaftlerin betonte, könne man sich oft nicht erwehren. „Vorurteile hat jeder“, so Atmaca. Wichtig sei nur, sich dieser bewusst zu sein, sich kritisch damit auseinanderzusetzen und sich die Offenheit für Fakten und neue Sichtweisen zu bewahren.

Ein Beispiel dieser vorgefertigten Bilder ist die Vorstellung des Islam als monolithische Religion, die keine individuelle Interpretation zulässt. „Der“ typische Muslim, das allgemeingültige Bild „der“ Muslima gibt es nicht. Im Gegenteil: mit Nachdruck stellte Atmaca klar, dass der Islam eine von Vielfalt geprägte Religion ist, die stark durch die jeweilige Lebensrealität der Gläubigen beeinflusst wird. Flexibel und aufnahmefähig, sind der Islam und seine Ausübung auch immer durch die Traditionen der jeweiligen Kulturen geprägt. Es bestehen daher auch deutliche Unterschiede wie zum Beispiel syrische, irakische oder afghanische Muslime ihren Glauben leben. Dabei, betonte Atmaca, ist das öffentlich viel kritisierte Festhalten an besonders stark patriarchalischen Strukturen unter Muslimen häufig vielmehr eine Auswirkung kultureller Einflüsse, als eine durch den Islam geforderte Lebenshaltung.

Im nachfolgenden Gespräch, das die beiden Islamwissenschaftler im Interviewformat durchführten, gaben Atmaca und Kübler einen leicht verständlichen Überblick über die historische Entstehungsgeschichte des Islam und seiner wichtigsten Glaubensströmungen. Unterhaltsam und immer auf Verständlichkeit bedacht, erklärte Nushin Atmaca die fünf „Säulen des Islam“ und die sechs Glaubensgrundsätze – immer erläuternd kommentiert von Christian Kübler.

Wissen statt Schlagworte

Zeit nahmen sich die beiden Referenten vor allem, um die im öffentlichen Diskurs immer wieder als Schlagworte benutzten Begriffe wie „Jihad“, „Sharia“ und „Salafismus“ zu beleuchten. So machten beide zum Beispiel deutlich, dass der Jihad-Begriff wesentlich differenzierter zu sehen ist, als dies in der öffentlichen Diskussion der Fall ist. „Jihad“ bedeutet „Anstrengung“ oder „Bemühung“ – keinesfalls „heiliger Krieg“, wie oft behauptet wird. Dabei bezeichnet der sogenannte „kleine Jihad“ zwar in der Tat einen bewaffneten Kampf. Dieser ist aber nur im Sinne eines Verteidigungs- oder Präventivkrieges erlaubt. Ausrufbar sei ein solcher „kleiner Jihad“ aber ohnehin nur durch einen autorisierten Kalifen. Und da dieser in der arabischen Welt zurzeit nicht existiere, sei auch die Ausrufung eines „kleinen Jihads“ nicht wirklich möglich. Der „Große Jihad“ hingegen bezeichnet die innere Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst in dem Versuch, die moralische Vervollkommnung zu erreichen. Schon die Unterscheidung zwischen „großem“ und „kleinem“ Jihad, so Atmaca, mache deutlich, welcher „Anstrengung“ die größere Bedeutung beigemessen wird: keinesfalls der kriegerischen Auseinandersetzung, sondern vielmehr der Innenschau und der individuellen Auseinandersetzung des Ichs mit sich selbst und Allah.

Islam und progressive Strömungen

Ebenso klar und verständlich räumten Atmaca und Kübler mit der oft in der öffentlichen Diskussion vorherrschende Vorstellung auf, die den Islam als rückwärtsgewandte und fossilierte Ideologie darstellt. Gerade für die muslimischen Gemeinden in der Diaspora - wie hier in Deutschland - träfe dies nicht zu. So gebe es zum Beispiel in Berlin eine Kultur der innerislamischen Diskussion und immer wieder deutliche Kritik an gewaltbereiten Islamisten, sowie Gemeinden, die sich diesen Strömungen entgegenstellen. Der Islam reagiere ohnehin durchaus auf die sozialen und kulturellen Veränderungen einer Gesellschaft. So hätte sich in Südafrika zur Zeiten der Apartheid eine islamische Befreiungstheologie ebenso entwickelt wie später eine „Theologie des Mitgefühls“, die auf die steigende Zahl von HIV-Infektionen in Südafrika reagierte. In Deutschland seien es vor allem die neu eingerichteten Lehrstühle für Islamische Theologie, die die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam förderten. Als Beispiel nannte Atmaca Prof. Dr. Mohanad Khorchid von der Universität Münster, der mit seiner „Theologie der Barmherzigkeit“ in der Islam-Debatte neue Impulse setzt. 

Fast wichtiger als die prägnanten Erläuterungen der beiden Referenten aber war die anschließende Fragerunde, der besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit zukam. Miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen, Fragen stellen: dies nutzen die Zuhörer diesmal besonders intensiv. Muslime und Nicht-Muslime diskutierten offen und respektvoll miteinander und warben um Verständnis für die eigene Meinung. Vielfalt statt Vorurteil war das Motto der Diskussion, die geprägt war von Respekt für den Glauben und die Meinung des Anderen.

Ein erfolgreicher Abend des kulturellen und religiösen Austausches, den am Ende eine der Zuhörerinnen treffend zusammenfasste: „Am Ende sind wir alle Menschen“.

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